Dissertation “Handlungsorientierter Lernfeldunterricht”

Fachdidaktische Rekonstruktionen und pragmatische Reflexionen im Beziehungsgefüge des Unterrichts an der Berufsschule

Der berufsschulische Unterricht befindet sich in einem vielgestaltigen Veränderungsprozess. Mit dem Wechsel des curricularen Schwerpunktes von der Systematik des Faches auf berufliche Handlungsstrukturen wurde in einem „pragmatischen Ansatz“ konsequent eine Modernisierung des bisher gültigen fachdidaktischen Konzeptes vorgenommen.

Die Ausrichtung auf berufliche Handlungsfähigkeit, in dem Lernsituationen, die nach Lernfeldern organisiert sind, die konventionelle Struktur der fachsystematischen Inhaltsausrichtung ablöste, schafft nicht nur Freiräume für kreative Lernarrangements, sondern verändert auch traditionelle Rollen im Unterricht und dem schulischen Lernprozess.

Die eingeleiteten Bestrebungen den Berufsschulunterricht durch das Lernfeldkonzept zu modernisieren, erfordern allerdings eine umfassende empirische Reflexion und fachdidaktische Begleitung der berufsschulischen Praxis. Zunehmend wird deutlich, dass die Wirkungsqualität des Lernfeldkonzepts und die damit angestrebte berufliche Handlungskompetenz der Auszubildenden noch nicht ausreichend ausdifferenziert ist.

Das Desiderat der berufspädagogischen Forschung soll im Rahmen dieser Doktorarbeit problematisiert, und in Bezug auf den intendierten „pragmatischen Ansatz“ reflektiert werden.


Beispielhafte Thesen aus der Dissertation:

Handlungsorientierung ist für Lernfeldunterricht unverzichtbar.

Handlungsorientierte Lernformen schaffen ein spezifisches schulisches und unterrichtliches Beziehungsgefüge.
Im Vergleich zu fachsystematischen Lernformen sind sie vornehmlich an praktisch verwertbaren beruflichen
Handlungsfähigkeiten der Lernenden ausgerichtet. Handlungsorientierter Lernfeldunterricht ermöglicht neben
fachlichem Lernen auch fachübergreifendes Persönlichkeitswachstum, wenn die Unterrichtsprodukte über den
schulischen Rahmen hinaus wirken. Dazu sind Lernumgebungen zu arrangieren, in denen Lernende ihr
individuelles Wachstumspotenzial entfalten können.

Erfolgreiche Unterrichtspraxis benötigt pragmatische Modellvorstellungen.

Unterrichtliche Lernanregungen sind daran geknüpft, inwieweit auf Erfahrungen der Lernenden zurückgegriffen
werden kann, die vorstellbare praktische Konsequenzen beinhalten. Pragmatische Denkmuster beeinflussen die
individuelle denkerische Bewältigung unterrichtlicher Probleme. Jeder einzelne Schüler entwickelt seine
individuelle Methode, aus erlebten welterschließenden Erfahrungen, die ihm helfen oder ihn blockieren, mit
problematischen Situationen der Arbeits- und Lebenswelt zurecht zu kommen.

Gute Denkgewohnheiten zu fördern führt über die Fähigkeit, abduktive Schlüsse zu ziehen.

Vorrangiges Ziel der Handlungsorientierung im Unterricht ist die Erzeugung guter Denkgewohnheiten.
Folgerungen, die sich an praktischen Konsequenzen orientieren, bezweifeln Verhaltensgewohnheiten, die im
aktuellen Handeln problematisch werden. Gute Denkgewohnheiten verstehen sich nicht zuerst als Training von
Logik oder Erwerb von Wissen, sondern vielmehr als geistige Neugier, die den Lernenden initiativ werden
lassen. Abduktive Argumentationslogik hinterfragt praktische Konsequenzen, um daraus zu erkennen, was ihre
tatsächliche, d. h. handlungspraktische Bedeutung ausmacht.

Unterrichtliche Förderung beruflicher Handlungsfähigkeit setzt
handlungskomplexe Lernarrangements voraus.

Nicht das Unterrichten als Belehren, sondern das Anregen individueller Lernprozesse durch unterrichtliche
Lernarrangements mit zunehmender Komplexität steht im Mittelpunkt der Handlungsorientierung des
Lernfeldunterrichts. Es geht nicht nur um die Vermittlung kontextspezifischen Funktionswissens, sondern
darum, beruflich bedeutsame Begründungszusammenhänge mit ihm zu reflektieren und für den individuellen
Gebrauch zu entwickeln. Handlungskomplexe Lernarrangements, die Produkte erzeugen, die über den
Unterricht hinausgehen, bewirken anwendungsbereite Kenntnisse und reorganisieren vorhandene Erfahrungen.
Perspektivthese Unterrichtliche Handlungsorientierung fordert und fördert intelligentes Wissen.
Unterrichtliches Lehr- und Lernhandeln ist nicht nur zweckfreies Wahrheitsstreben, sondern auch auf
zweckmäßige außerunterrichtliche Handlungen auszurichten. Eine der Komplexität der Berufswelt
entsprechende Lernumgebung schafft für die Lernenden Möglichkeiten, ihre individuellen Lerndispositionen zu
trainieren. Außerschulische Kooperationen, multimediale Infrastruktur und gruppenarbeitsbezogene
Lernformen unterstützen die Lernwirksamkeit individueller Dispositionen.


Die Dissertation in der Übersicht:

Titel: Handlungsorientierter Lernfeldunterricht – Fachdidaktische Rekonstruktionen und pragmatische Reflexionen im Beziehungsgefüge des Unterrichts an der Berufsschule

Autor: Dr. phil. Rainer Gerke

Betreuer: Prof. Dr. Manfred Eckert

Bewertung: magna cum laude

Inhaltsverzeichnis kompakt:

    1. Einleitung und Hinführung zum Thema

Erster Teil: Beziehungsfelder von Lernfeldunterricht

    1. Handlungsorientierter Unterricht in Lernfeldern als Forschungsgegenstand
    2. Modellierungen von Unterricht
    3. Lerntheoretischer Kontext von Unterricht
    4. Exkurs zum historischen Kontext von Unterricht
    5. Pragmatische Erziehungsphilosophie als „pragmatischer Ansatz“ des Lernfeldkonzepts

Zweiter Teil: Empirische Untersuchungen über schulisches Lernen und Lernfeldunterricht

  1. Forschungsmethodischer Rahmen
  2. Exemplarische Lernarrangements im Lernfeldunterrricht
  3. Forschungsmethodischer Rahmen
  4. Ergebnisse der Untersuchungen zum Lernfeldunterricht
  5. Abschließende Diskussion und Ausblick