Workshop zur Handlungsorientierten Unterrichtsgestaltung in China

1. Einleitung

Im Rahmen der Zusammenarbeit im Bereich berufliche Bildung zwischen der VR China und der Bundesrepublik Deutschland unterrichtete Dr. Rainer Gerke vom 11. – 21. Juni 2010 in einem chinesischen Berufscollege.

Er realisierte einen Workshop zur Verbesserung der Qualität und insbesondere der Praxisverbundenheit der chinesischen Ausbildung durch handlungsorientierte Unterrichtsgestaltung.

Im Auftrag von Inwent Deutschland und dem BIW Hessen Thüringen gestaltete er eine 7-tägige Fortbildung mit 35 chinesischen Lehrern der höheren Bildung im Fachbereich Straßen- und Brückenbau.

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Abb.1: Berufscollege von Shenyang in der chinesischen Provinz Liaoning

Zielstellung war es, bei den chinesischen Teilnehmern Kompetenzen zur systematischen Planung und Durchführung von handlungskomplexen Ausbildungsabschnitten an Colleges und in Unternehmen aufzubauen. Gleichzeitig sollte der Workshop referenziell einem in Deutschland üblichen Vorgehen entsprechen.

Die Teilnehmer wurden durch das chinesische „Netzwerk berufliche Bildung“ eingeladen und stammten aus Berufscolleges der Höheren Bildung mit der Ausbildungsrichtung Straßen- und Brückenbau aus mehreren chinesischen Provinzen.

Workshopteilnehmer Shenyang im Juni 2010

Abb.2: Workshopteilnehmer Shenyang im Juni 2010

Bei dem durchgeführten Workshop ging es darum den chinesischen Lehrkräften fachdidaktische Impulse zu geben, die sowohl auf Lehrinhalte als auch Lehrmethoden abzielten. Dadurch soll das schulische Angebot chinesischer Colleges in der Einbindung handlungskomplexer Elemente zunächst differenziert und dann auch verbreitert werden.

Neben reiner Wissensvermittlung standen auch die Weiterentwicklung von „Soft Skills“ der Lehrkräfte nach deutschem Muster und die praktische Anwendung des Gelernten auf dem Stundenplan.

2. Konkrete Aufgabenstellung der Expertenentsendung

Durch Inwent fand zur Vorbereitung des Workshops ein Briefing in Magdeburg statt. Es wurden insgesamt 9 Berufsbildungsexperten verschiedener Fachrichtungen mit dem Auftrag entsandt, die Vorzüge1 des dualen Bildungssystems herauszuarbeiten und attraktiv für die chinesische Seite anzubieten.

Von besonderem Interesse war die Verknüpfung von Leistungsfähigkeit, Innovationskraft und modernen Unterrichtsverfahren. Das deutsche System steht im globalen Wettbewerb mit anderen Anbietern2 und sollte in der Lage sein, seinen Bildungsexport weiter auszubauen. Geplant waren folgende Inhalte:

  • Entwicklungstendenzen in der Fachrichtung (Technik, Technologie, Organisation)
  • Planung, Durchführung und Evaluierung der praktischen Ausbildung bzw. von Praktikums
  • Methode und Prozess der Curriculumentwicklung auf der Grundlage von Geschäfts- und Arbeitsprozessen
  • Methoden und Medien zur handlungsorientierten Gestaltung des Lehr- und Lernprozesses

Es wurde darauf hingewiesen, dass im Seminar das Anspruchsniveau durchaus im Bereich Fachhochschule liegen kann und die Teilnehmer über die Grundlagen des deutschen Systems bereits sehr gut informiert sind (was sich letzlich auch so zeigte).

Hauptinhalt sollen konkrete fachdidaktisch begründete Beispiele für die Durchführung handlungskomplexen Unterrichts sein, die durch die chinesische Seite modifiziert und als curriculare Bausteine ihrer Lehrstruktur weiterentwickelt werden können. Eine Hauptforderung besteht darin, Impulse für die Lehrerfortbildung und Ausbildung von Ausbildern zu geben (Erstellen von Qualifikationsprofilen für Berufsschulehrer und verwertbare Unterlagen für die Ausbildung von Berufsschülern der höheren Bildung).

3. Vorstellung des Liaoning Provincial College of Communications

Das Liaoning Provincial College of Communications befindet sich in der historisch und kulturell bedeutsamen Stadt Shenyang im Nordosten Chinas. Sie ist eine von 28 nationalen Demonstrations-Berufskollegs Chinas. Im Jahr 1951 wurde die Schule als erste Sonderschule für Straßenbau und -verkehr gegründet. 1958 erhielt sie das Recht für die Liaoning Jiaotong University die Ausbildung im Undergraduate-Bereich durchzuführen. 1998 startete die Schule eine umfassende Reform dieser höheren beruflichen Bildung und begann die Entwicklung beruflicher Führungskräfte zu fördern. Moderne Lehrpläne nach deutschem Vorbild sollen als Kern des Aufbaus von Arbeits- und Teamfähigkeit und zum Training zukünftiger Absolventen entwickelt werden.

Geführt wird die Schule von Prof. Dr. Zhang Ya Jun (geb. 1963). Er ist federführend für die Schulverwaltung und gleichzeitig Parteisekretär. Sein Vizepräsident ist Prof. Dr. Wang Tong (geb. 1967). Er ist verantwortlich für das Lehrdepartement, das Modern Education Technology Center, das Office of Academic Affairs für Wissenschaft und Technologie und andere Abteilungen. Die Gründung des “Department of Education Instituts“, eines Internationalen Schulungszentrums und der “Trinity Kombination Betriebssystem- Plattform“ ermöglichen auch die Durchführung professioneller Managerschulungen.

Die Schule (Siehe Abb. 1) umfasst eine Fläche von 600.000 m² (davon ca. 220.000 m² Ausbildungsfläche). Sie hat einen umfangreichen Gebäudebestand mit einem Anlagevermögen im Wert von 45 Mill. Euro, Bibliotheksbestände von ca. 1.020.000 Datenträgern. Unter anderem verfügt sie über ein technisches Gymnasium, Ausbildungsbereiche der Firmen BASF sowie BMW und führt Grundstudiengänge auf dem Niveau beruflicher Fachhochschulbildung aus. Zur Zeit gibt es 7600 Vollzeit- und 2000 Weiterbildungsstudenten. Es unterrichten 354 Vollzeit-Lehrer, davon sind 63 Professoren und 142 Assistenz-Professoren.

Adresse der Schule:

Shenyang City, Shenbei Shen North Road 102, PLZ: 110122

Internet: www.Lncc.edu.cn

Mail: Lncczyj@sina.com

Impressionen des Liaoning Provincial College Shenyang

Abb.3: Impressionen des Liaoning Provincial College Shenyang

Abbildung 3 zeigt Impressionen von Lehrgebäuden und der Bibliothek; sowie Mensa; Internationales Begegnungszentrum und das Schullogo des Colleges. Die Infrastruktur, die Ausstattung und der Erhaltungszustand sind auf einem bemerkenswert modernen Stand und es ist das Bemühen erkennbar die Ausbildungsbedingungen noch weiter zu verbessern. Das Logo symbolisiert die Schule mit dynamisch konzentrischen Ringen (Entwicklungstendenz und Ressourcen von Personal und Studenten, die einen festen Glauben an das Streben nach Spitzenleistung haben. Die Farbe ist grün und rot, Grün symbolisiert nach chinesischem Verständnis Harmonie und Kraft; Rot symbolisiert Geist und Leidenschaft. Innerhalb der Kreisform zeigen die Stilisierung zweier symmetrisch geschwungenen Landstraßen, den Bezug zum Straßenverkehr und anderen Berufsmerkmalen.

4. Verlauf des Workshops

Die unterrichtsstrategische Ausrichtung zielte auf die konsequente Anwendung handlungsorientierter moderner deutscher Curriculums. Hierbei ist der fachliche Kontext Mittel zum Zweck und eine Referenz zum Aufbau beruflicher Fähigkeiten. An Hand ausgewählter Unterrichtsbeispiele aus dem Straßen- und Brückenbau ist der Workshop selbst die Referenz für das Schaffen von handlungskomplexen Strukturen. Der Dozent fungiert als Lernberater und macht die Ziele als auch das Erreichen der Ziele gemeinsam mit den Teilnehmern transparent. Dieses Vorgehen erwies sich als ausgesprochen erfolgreich.

Während des Briefings wurde die Dauer des Workshops um zwei Tage verlängert, so dass der Unterricht letzlich vom Sonntag, den 13. bis Sonntag den 20. Juni ging (genau 8 Seminartage). Täglich fanden die Lehrveranstaltungen von 8.30 bis 12.00 und 14.00 bis 17.30 statt. Es gab jeweils zwei kleine Snack-Pausen in denen Kaffee und Obst angeboten wurde. Die Organisation und die technischen Möglichkeiten waren vorbildlich und ohne Mängel. Der zur Verfügung stehende Dolmetscher (langjähriger Germanist) sprach ein sehr gutes Deutsch und war umfassend auf das berufspädagogische Vokabular vorbereitet. Den Teilnehmern stand ein deutsch-chinesisches Script mit den allgemeinen Seminarschwerpunkten zur Verfügung.

Mit der sehr engagierten chinesischen Seminarverantwortlichen und dem Dolmetscher fanden täglich Reflexionsberatungen statt, von denen aus die Inhalte des nächsten Tages festgelegt wurden. Hierbei konnten die Erwartungen der Teilnehmer und die unterrichtlichen Handlungsmöglichkeiten abgestimmt werden. Es stellte sich heraus, dass die Erwartungen durch die handlungsaktive Gestaltung des Workshops in den meisten Fällen deutlich übertroffen wurden. Hierbei spielten mehrere Aspekte eine Rolle:

  • respektvoller und ergebnissorientierter Umgang miteinander
  • Nutzung von vor allem handlungsaktiven Unterrichtsmethoden
  • regelmäßige Reflexion und Ergebnissicherung durch Videoprotokolle
  • Schaffen von unterrichtlichen Herausforderungen unter Nutzung der Infrasruktur

5. Evaluation des Workshops durch die Teilnehmer

Es gab für die Teilnehmer drei Evaluationssituationen. Eine Zwischenauswertung am vierten Tag, eine Erfassung durch standardisierte Bögen durch Inwent am Ende des Seminars und eine Erfassung durch den chinesischen Auftraggeber am Ende des Seminars. Hier soll nur auszugsweise die letzte Situation geschildert werden (5-fache Abstufung zwischen Sehr zufrieden und sehr unzufrieden):

  • Zufriedenheitsgrad mit Organisation/Dauer/Bedingungen: sehr zufrieden (bester Wert)
  • Erfüllungsgrad der Erwartungen für dieses Seminar: sehr zufrieden (bester Wert)
  • Seminaratmosphäre/Verhalten Dozent und Teilnehmer: sehr zufrieden (bester Wert)
  • bereitgestellte Seminarunterlage: zufrieden (zweitbester Wert)
  • Qualität der Dolmetschung: sehr zufrieden (bester Wert)

Veränderungsvorschläge für das Seminar im Oktober: Das Seminar im Liaoning Provincial College kann als Muster für Organisation und Inhalt verwendet werden.

6. Gesamteinschätzung des Workshops / Schlussfolgerungen

Für mich war es eine unschätzbare Erfahrung über die chinesische Kultur und das Bemühen der chinesischen Lehrkräfte die berufspädagogische Situation in ihrem Land zu verbessern. Mit großem Tempo und viel Engagement entscheiden sie sich dabei zu initiativem Handeln. Keinesfalls werden die angebotenen Impulse nur kopiert, sondern nach kurzer Zeit gelingt es ihnen innovative Unterrichtstrategien zu entwickeln, die dann auch für uns interessant sind.

Ende des Seminars mit Dolmetscher und Betreuerin

Abb.4: Ende des Seminars mit Dolmetscher und Betreuerin

Zu erkennen ist auch, dass unser duales System nur ein Angebot im globalen Wettbewerb darstellt. Bei weiterer Beratungstätigkeit ist darauf zu achten, dass die Vorteile tatsächlich erfassbahr sind und für die chinesische Seite transformierbar. Es macht keinen Sinn nur zu theoretisieren, ohne entsprechende Referenzangebote. Für den Bereich Straßen- und Brückenbau schätze ich das stattgefundene Seminar als gelungenes Beispiel von schulischer Praxisnähe und Entwicklung handlungskomplexer Curiculums.

Schlussfolgernd empehle ich zeitnah einen Workshop mit mehreren involvierten Experten und chinaerfahrenen Dozenten zur Diversifizierung des Angebots “Berufsbildungsexport” durchzuführen. Sehr gern stehe ich dafür und auch für weitere Entsendungen zur Verfügung.