Berufsausbildung in China – Interview mit Dr. Rainer Gerke

Der Druck des globalen Wettbewerbs zwingt auch chinesische Unternehmen dazu, sich dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt anzupassen und diesen selbst nach vorne zu treiben. China will weltweit von den Besten lernen, wie sie ihre Unternehmen leistungsfähiger und innovativer machen können.

Ein Duales System, mit einer intensiven Verzahnung von Wissen und dessen Anwendung, wie es in Deutschland praktiziert wird, gibt es nicht. Als Folge fehlt ein solider Mittelbau an gut ausgebildeten Fachkräften, der eine Brücke zwischen den Billigarbeitern und den Akademikern schlägt.

Chinas Bildungssystem orientiert sich gegenwärtig stark an amerikanischen und traditionellen Einflüssen. Während die Universitätsausbildung mit großem Eifer umgestaltet und angepasst wird, bleiben Mängel in der praktischen und fachbezogenen Berufsausbildung bestehen.

Um diesen Zustand zu verändern und die Ausbildung attraktiver zu machen, beobachten chinesische Bildungsexperten weltweit, wie Facharbeiter besser auf berufliche Herausforderungen vorbereitet werden können und haben die Vorteile des deutschen Systems entdeckt. Neben der direkten Ausbildung sind Methodentransfer und Lehrerfortbildung wichtige Ziele in der sich entwickelnden Zusammenarbeit mit Deutschland.

Das Interview entstand im Sommer 2010 kurz nachdem Dr. Rainer Gerke im Auftrag der Firma Inwent (Gesellschaft für internationale Weiterbildung und Entwicklung) und dem BIW Hessen Thüringen in Shenyang (Stadt im Nordosten Chinas mit 8 Millionen Einwohnern) einen 8-tägigen Workshop für Lehrkräfte aus dem Straßen- und Brückenbau zur Handlungsorientierten Unterrichtsgestaltung durchführte.

Was wussten Sie vor ihrer Reise nach China über dieses Land und seine Berufsausbildung?

Mit einer Fläche von ca. 9,6 Millionen km² und 1,3 Milliarden Einwohnern ist China das viertgrößte und gleichzeitig das bevölkerungsstärkste Land dieser Erde. Das chinesische Berufsbildungssystem ist in einem Stufenmodell entwickelt, die Ausbildung erfolgt losgelöst von der betrieblichen Praxis, die Schulen bilden eigenständig – „entkoppelt“ von der chinesischen Wirtschaft, weitgehend ohne gültige Ausbildungsstandards – aus.

Zwar bieten die Berufsbildungszentren verschiedene Programme zur beruflichen Erstausbildung an, einige davon sogar in Kooperation mit Unternehmungen, diese sind aber sehr ineffizient.

Zusammenfassend: Eine Menge „Land und Leute“, die sich für unser demographisch schwächelndes Deutschland als Kooperationspartner in vielen Bereichen geradezu ideal eignen.

Erläutern Sie kurz die Vorteile des deutschen Berufausbildungssystems, welches dem chinesischen ja als Vorbild dienen könnte

Das duale Ausbildungssystem Deutschlands ist weltweit berühmt und ein Qualitätsmerkmal, welches nicht nur in China Anerkennung findet.

Traditionell zeichnet es sich durch die enge Verzahnung praktischer und theoretischer Fähigkeitenentwicklung aus. Die berufspraktische Ausbildung findet überwiegend im Betrieb statt, während die berufstheoretische Ausbildung in der Berufsschule vermittelt wird.

Von diesem Vorgehen profitieren die Jugendlichen und die Unternehmen. Die Jugendlichen erhalten einen Berufsabschluss in einem „anerkannten Ausbildungsberuf“, das Unternehmen erhält einen kreativen Mitarbeiter, bei dem längere Einarbeitungszeiten entfallen und sich das Risiko einer Fehlbesetzungen vermindert.

Worin besteht der Kooperationsgedanke an der dualen Berufsausbildung?

Die deutsche Berufsbildung genießt ein sehr hohes Ansehen. Für die chinesischen Bildungsexperten begann mit Hilfe der durch das duale Bildungssystem hervorgebrachten Fachkräfte letztlich auch der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Bundesregierung verstärkt gegenwärtig die Anstrengungen des deutschen Bildungsexports und versucht zunehmend koordinierend zu wirken.

Sie hat eine Initiative zur Internationalisierung deutscher Aus- und Weiterbildungsdienstleistungen gestartet, die Beratung und Hilfestellung auch für die chinesische Berufsbildung anbietet. Das Angebot umfasst Marktstudien, Seminare und Workshops, wie auch konkrete Unterstützung der Ausbildung.

Beschreiben Sie kurz die Problem der aktuellen Berufsbildungssituation in China

Trotz verstärkter Anpassungsversuche hinkt das Bildungssystem den wirtschaftlichen Entwicklungen hinterher und weist extreme Gegensätze auf.

Während es auf dem Land Probleme gibt, die Schulpflicht durchzusetzen, die den Kindern ein Mindestmaß an Bildungschancen und damit wirtschaftlichen Aufstieg ermöglicht, gibt es in den großen Städten des Ostens teure Eliteuniversitäten.

Ein Heer von Wanderarbeitern auf der Suche nach Arbeit steht einer gut ausgebildeten, vollbeschäftigten Stadtbevölkerung gegenüber. Nach dem Ende der Schule ist es vergleichsweise unattraktiv statt eines Studiums eine Berufsausbildung zu beginnen. Trotz steigender Berufsschülerzahlen und Fördermaßnahmen der Regierung ist die gesellschaftliche Anerkennung einer professionellen Berufsausbildung in China immer noch gering. In der Folge entsteht eine bemerkenswerte Jugendarbeitslosigkeit und trotz der vielen Menschen ein enormer Fachkräftemangel (vor allem auch in den vorhandenen Jointventure Betrieben mit deutscher Beteiligung).

Können Sie diesen Zusammenhang etwas genauer beschreiben

Es wird eine Universität nach der anderen geschaffen, aber es gibt kaum eine nachhaltig qualifizierende Facharbeiterausbildung. Zum Teil ist China als Billigproduzent noch die „Werkbank der Welt“, gleichzeitig aber auch innovativer, hoch technisierter Forschungsstandort. Die Ursachen für diese Gegensätze und die damit verbundenen Probleme für Unternehmen in China qualifizierte Fachkräft zu finden, resultieren vorwiegend aus den chinesischen Bildungstraditionen, die auf „Auswendiglernen“ und „Theoretisieren“ ausgelegt sind.

Unterscheidet sich das deutsche vom chinesischen Bildungsverständnis so maßgeblich?

Dass sich das grundsätzliche chinesische Verständnis von Bildung von dem westlichen unterscheidet, demonstrieren die Klagen der Unternehmer in China über starre Denkmuster sowie unkreative und unselbstständige Absolventen.

Trotz enormer Anstrengungen der chinesischen Regierung, das Bildungssystem zu reformieren, wirken das traditionell sture Auswendiglernen und Rezitieren der Texte sowie eine standesgemäße Verachtung praktischer Anwendung von Wissen weiter. Anders als in Deutschland, wo ein Meister sein Handwerk durch Ausbildungen mit praktischen Erfahrung gelernt hat, fehlt in China die Schnittstelle von Kopf und Handarbeiter.

Was konnten Sie in ihrem Workshop tun, um die Situation zu verbessern?

Ich war für zehn Tage in einem Berufskolleg für Höhere Berufsbildung mit ca. 10.000 Berufschülern und etwa 450 Lehrkräften. Für den Bereich Straßen- und Brückenbau habe ich mit 30 Kollegen aus der Provinz Liaonig zusammengearbeitet.

Bei dem durchgeführten Workshop ging es darum den chinesischen Lehrkräften Impulse zu geben, die sowohl auf Lehrinhalte als auch Lehrmethoden abzielten. Dadurch soll das schulische Angebot zunächst differenziert und auch verbreitert werden. Neben reiner Wissensvermittlung standen auch so genannte „Soft Skills“ und die praktische Anwendung des Gelernten auf dem Stundenplan.

Welche Eindrücke konnten Sie während ihres Aufenthaltes gewinnen?

Beeindruckend ist, mit welcher Energie die chinesischen Lehrkräfte versuchen die Situation in ihrem Land zu verbessern und wie sie sich dabei zu initiativem Handeln entscheiden. Keinesfalls werden die angebotenen Impulse nur kopiert, nach kurzer Zeit gelingt es ihnen innovative Unterrichtstrategien zu entwickeln, da auch für uns wiederum interessant sind. So konnten wir bei einer Erkundung zum Bau einer Autobahnstrecke die Dokumentation multimedial aufbereiten und als Unterrichtsbaustein für Straßenbaulehrlinge gestalten.

Was können Sie nach ihren Erfahrungen unseren Bildungsexperten an Hinweisen mitgeben?

Im Verlauf des Seminar ist mir der hohe Wert der allgemeinen Akzeptanz des deutschen Berufsabschlusses in Deutschland sehr deutlich geworden.

Diese Akzeptanz gilt es – bei allen notwendigen Reformen – zu bewahren, damit auch die derzeitigen Vorteile des dualen Systems wie Praxisnähe, Selbstverantwortung der Wirtschaft, Breiten- und Motivationswirkung und einheitliche Qualitätsstandards in der Ausstattung erhalten bleiben.

Letztendlich sind gute Bildung und Ausbildung nicht nur ein Interesse chinesischer Firmen, sondern grundlegende Vorraussetzung für Wohlstand und weiteres Wachstum im Reich der Mitte als auch in Deutschland.